Eintrag #0022 - Freitag, 1. Mai 2009
Ein Wort für die Demokratie und die gefeierte Geringschätzung alles anderen
Die Leute, welche sich über Demokratie aufregen, sollten meiner Meinung nach auswandern – wie wär's mit Afghanistan? Wir leben eben zufällig zu unser aller Schande in einem demokratisch geregelten Kapitalismus. Es gibt auch den kommunistischen Kapitalismus und andere Scheinideologien ein und desselben Geldfetischismus. Im Grunde genommen ist jede noch so aberwitzig individuell überlegte Ideologie letztlich doch immer nur eine Diktatur, wenn dem politischen Staatengebilde der alte Wichtel Zaster die Rute drüberzwiebelt und alle Welt ihm auf Biegen, Brechen und Teufel komm raus in den A*sch kriecht. Dass die Demokratie also gerade eben mal nicht so klasse ist und sich die frustrierten Nixversteher über die butterweiche Freiheit und bürgerliche Souveränität aufregen, scheint mir kein Problem des demokratischen Umfelds zu sein. Die Welt ist nicht schlecht, weil es soviel Liberalität in der Demokratie und so viele Absolutismen in den nichtdemokratischen Diktaturen auf dem Planeten gibt. Sie ist deswegen unausgewogen und ein Nährboden für Terrorismus, weil Zwänge zu Kapitalwachstum globalisiert, diktatorisch und absolutistisch vermittelt, praktiziert und allen Menschen abverlangt wird. Die Freiheit sich diesem Zwang unterzuordnen oder es sein zu lassen ist gleichbedeutend mit der perfiden "Freiheit" zu leben oder aber freiwillig zu sterben. Denn nur wer sich Geld aneignet oder die Voraussetzungen erfüllt welches auszugeben, kann auch ein Leben oberhalb der einfachen Existenz führen. So ist diese Freiheit reichlich beengend, wie ich finde.
Die Demokratie zu kritisieren ist irgendwie verpönt. Man könnte da jetzt ewig lange Bärte von Klugmeiers Sprüchen wiederholen, die „dem Deutschen“ wegen seiner „barbarischen Vergangenheit“ jegliche Kritik an Demokratie verbieten. Wir sind ja alles Deutsche und somit sind wir natürlich auch alle genetisch bedingte Judenmörder. Quasi aus moralischen Gründen oder solchen, die auf Vernunft und gesunden Menschenverstand abzielen ist es dem Deutschen verboten gegen Liberalismus und Demokratie zu reden oder auch nur die Moderne in Frage zu stellen. In der Tat verstehen scheinbar nur wenige was sie eigentlich zu kritisieren hätten, wenn sie von überbordenden Freiheiten, zu vielen Schlupflöchern in Gesetzen oder gar Menschenrechten sprechen. Mancher behauptet gar Liberalismus und Demokratie mache den Menschen weich und fördere zielloses Gequatsche. Viele wünschen sich angeblich eine DDR, die Monarchie und andere sonderbare Dinge zurück. Mancher wünscht sich einfach nur, dass alles weg und anders wäre. Vielleicht mal wieder ein bisschen mehr so wie im Wilden Westen mit ganz viel Anarchie und Schießen oder so. Die Guten Alten Dinge, die gemäß dem scheinbar angeborenen Schema der Vergangenheitsglorifizierung stets aus Ruinen auferstehen, kommen wohl immer dann zu neuen Ehren, wenn das Alltägliche langweilig, anstrengend, übermächtig, komplizierter, unsicherer wird. Dabei mal ausgeblendet, dass alle diese Attribute immer nur im Auge des Betrachters liegen, dessen Augenlicht allzu oft auch mal ein winzigkleines bisschen zu Wirrnis und Milchglasoptik neigen kann, wie ich letzte Woche im Kindergarten lernte. Negativ bewertet wird das Alltägliche eigentlich andauernd, weil die wenigsten den Zustand von Glückseligkeit erleben beziehungsweise ihn sich zugestehen mögen. Wer glücklich ist, ist suspekt und/oder zumindest grandios faul. Ich denke es ist einer der nebenwirkenden Folgeschäden des (wohlgemerkt!) momentan praktizierten Kapitalismus (und nicht etwa des Kapitalismus an sich), dass das Glück in den Augen eines Fremden häufig zu Neugier, Neid und Niedertracht im Geist des Beobachters führt. Ein weiterer Grund für die kritische Haltung gegenüber dem bestehenden Wohlstandskarussell wird aber sicherlich auch darin liegen, dass das hohe Niveau der eigenen Jammerei schlichtweg verkannt und vergessen wird.
Die Leute denken sehr einfach. Wenn sie hören "Demokratie ist eine wunderbare Erfindung" dann fangen sie an das gehörte abzuwägen. Dabei denken sie nicht etwa darüber nach was Demokratie eigentlich bedeutet, sondern sie denken an alles das was sie mit diesem Wort nahe liegend assoziieren. Sie denken an Hartz IV, an ihnen negativ aufgefallene Politiker, an neue Umweltgesetze, an Steuern, Antiraucherkampagnen und im direktesten Fall denken sie an den hässlichen langhaarigen Zotteltyp, der eben freiwillig und ungestört eine leere Bierdose in ihre Hecke gesteckt hat. Demokratie trägt immer das Gesicht, welches gerade eben von Springerblättchen und Co. offensiv und weitflächig beworben wird. Deswegen kann es unter Umständen sehr unklug sein zu schreiben, man findet Demokratie, Kapitalismus und anderes gut, wenn alle Welt von verzockten Managermillionen und anderem Blütenwuchs berichtet. Die Leute denken man spräche sich dann einfach dafür aus, diese Dinge allesamt gut zu finden. Abgesehen davon, dass man am besten sowieso die Gusch hält, wenn man sich Scherereien ersparen möchte. Die Leute lieben es sich auf alles zu stürzen, was sie nicht als Wahrheit akzeptieren können. In der einfachsten Form dieser Weltsicht werden Führungspersönlichkeiten mit ihren Kampfbüchern zu Heilsgestalten. Und vor allem alles das, was nicht in diese heilige Aura von gestern passt, wird zum verhassten Spielball selbstgebauter, geborgter, geklauter oder gekaufter Sportspielgeräte. Vom Baseballschläger bis zum Airbus kann das so ziemlich alles sein.
Deswegen stehe ich mal dazu :: Ich denke die Demokratie und der Kapitalismus sind bisher die wohl tauglichsten Erfindungen der politischen Geschichte. Das Problem ist, dass sie eine Sache beinhalten, die zu gern und sehr häufig belastet und von subkompetenten, niederqualitativen Reflexionsakrobaten ausgenutzt wird – Freiheit. Vielleicht hilft dem Verständnis eine kleine Erkenntnis auf den Weg. Dazu stelle ich folgendes Fest – unsere Gesellschaft glaubt scheinbar aus irgendeinem Grund daran, dass sie die geltende Wirklichkeit anhand von Gesetzen festmachen müsste. Zu jedem und allem gibt es irgendwo in einem staubigen EU-Buch eine Richtlinie oder ein Gesetz. Aber meiner Meinung nach – und ich frage mich wie ich verdammt noch mal bloß darauf komme – ist eine Demokratie nicht von einem Gesetzeskatalog abhängig. Demokratie fängt in den Bürgern an. Sie beginnt in den Geistern der Menschen, die sich eine Freiheit und eine daraus resultierende Glückseligkeit wünschen. Freiheit selbst ist natürlich eine relative Sache. Philosophisch gesehen, kann man niemals wahrhaft frei sein, solange man ein Teil der Welt ist. Aber hier soll's mal nur um die relative Freiheit gehen, die es einem Normalbürger erlaubt ohne Eisenketten um den Hals und Holzknüppel hinterm Rücken Maifeiertage und ähnliche Sommerlichkeiten zu begehen. Wenn die Bürger eines so genannten demokratischen Landes sich nicht mehr frei fühlen, dann steht die Demokratie nur noch auf dem Papier. Und wenn der so genannt demokratische Staat beginnt die Sicherheit seiner Bürger höher einzustufen, als ihre Freiheit, dann gilt dasselbe. Es ist wichtig den Bürgern eines Landes klar zu machen, dass der politische Status eines Landes allein von ihrem eigenen Inneren abhängt, denn DIE BÜRGER SIND DER STAAT. Es ist nicht etwa das komische Bürohaus da hinten irgendwo in Brüssel. Im übrigen ist es derselbe Staat, der sich momentan Geld leiht um seine eigenen Schulden zu bezahlen, was einem wirklich die Fratze der Verzweiflung aufzwängt, wenn man bei Homo Sapiens gelegentlich an "Der denkende Mensch" dachte.
Ich jedenfalls denke es gibt die Demokratie, die der Bürger als ein abstraktes Gebilde wahrnimmt und es gibt die viel wichtigere innere Demokratie. Sie ist deswegen wichtiger, weil sie die erstere eigentlich begründet. Nur leider lassen sich die Massen immer wieder ganz gern mal zwischen der Mittagspause und Gassigehen ins vermaledeite Bockshorn jagen. Der Blick der Menschen wird stets nach draußen gelenkt, weswegen sie heute ebenso wenig Gott verstehen, wie auch Dinge wie Ethik, Freiheit oder so furchtbare Dinge wie Kapitalismus und Demokratie. Alle diese Dinge werden im inneren Zwiespalt verdammt und verteufelt oder zumindest relativiert, weil man sie im Kern nicht mehr oder aber missversteht. Denn der Kern ihres Verständnisses liegt in einem selber und da wandert der Blick der meisten überhaupt nicht mehr hin. Die innere Demokratie muss nicht Demokratie genannt werden. Sie kann ebenso gut namenlos sein. Der Name einer inneren Wahrheit ist unwichtig, sofern sie loyal an einer größeren Wahrheit orientiert ist.
Ich halte alle Menschen, die ihren Wunsch nach einer starken, väterlichen oder auch mütterlichen Staatshand unausgedacht vortragen für vollendet dämlich. Ich habe kein Verständnis für den Intellekt solcher Leute, die behaupten irgendwelche Staatsformen der Vergangenheit wären doch irgendwie besser als die Demokratie. Sie schwätzen, dass in der Demokratie zu viel geredet wird. Ich kann den Unmut durchaus verstehen. Was ich nicht verstehe ist die verbaute Sicht. Wenn auch die demokratische Welt viel Mist hervorgebracht hat, so ist doch eben diese Welt die Grundlage für ein freies Wort und eine freie Tat. Es ist diesen Hirnlosen sogar erlaubt öffentlich die Buchs runterzulassen und symbolisch einen braunen Balken auf die Demokratie fliegen zu lassen. In all den Staatsgebilden, die sie sich wünschen könnten sie dies selbstverständlich ebenso tun. Aber sie würden sicherlich weniger gesund von diesem Gedrücke wieder aufstehen. Das lassen sie natürlich gern mal unter den Tisch fallen.
Das Grundgerüst einer Gesellschaft sollte immer die Ethik sein. Es gibt nur eine, die den Namen tragen kann und sie hat nichts mit den Rechten des Stärkeren zu tun. Geht in einem demokratischen Staat das Verständnis für das Leben abhanden oder erfährt dort Lenkungen auf andere Ziele, dann hat die Demokratie nur noch eine nebensächliche Funktion. Sie wird ausgenutzt, um abseits einer ethischen Lebensauffassung den ständigen Wettbewerb und den ständigen Gewinn zu ermöglichen. Als Folge dessen erscheinen wohl sämtliche Probleme, welche die Welt heute im Klauengriff halten – Armut, Umweltzerstörung, Flucht & Eile, Perspektivlosigkeit und so weiter. Nur mit einem inneren Verständnis von Leben und Lebendigkeit und einer festen Zuneigung zur natürlichen Beschaffenheit aller Dinge, macht eine Demokratie auch wirklich Sinn. Ich denke nicht, dass wir Deutschen, wir Amerikaner oder wir westlichen Weltbürger in einer Demokratie leben. Was uns unterjocht haben wir bloß alle gern vergessen, weil wir irgendwann lernten, dass uns eine kleine Portion Schicksal jede Qual am Joch dieser Sache entbindet – zumindest scheinbar. Denn nur wenig Glück und ein bisschen Eile hier und Arbeit dort kann uns der Materie näher bringen und schon spielen unsichtbare Dinge keine große Rolle mehr. Je nach Charakter kann das dann zu Glücksgefühlen führen oder aber man grämt sich den Lebtag über die anderen, die mehr haben. Die Letzteren sind dann prädestiniert für den Ruf nach Gestern, und die, welche nichts rufen, wundern sich höchstens wieso diese Volltrottel bloß die Schranken im Kopf romantisieren können. Abseits von jedem Opportunismus gilt eine Wahrheit. Diese ist in Teilen sicher bei allen Opportunisten zu finden und doch steht die wirklich absolute Wahrheit über dem ganzen. Sie wird sich melden, wenn Opportunismus mehr zu gelten scheint als Grundsatztreue, denn diese Entwicklung ist ebenso Teil des Lebens. Die Weltwirtschaft singt soeben unfreiwillig das Lied davon.
Wer sagt die liberale Parteiendemokratie sei ein Fehler, der ist zu dumm zu verstehen, dass alles andere deswegen längst nicht richtig und besser ist. Wer diese Welt der großen Freiheiten und undefinierbaren Wahrheiten kritisieren möchte, sollte seine Unfähigkeit zu Erkenntnis nicht einfach der politischen und gesellschaftlichen Bühne zuschieben, sondern zuerst einmal die Frage stellen wie reif sein eigener Geist zur Selbstverantwortung steht. Demokratie ist eine Sache, die sich der Bürger täglich in sich selber verdienen muss. Absolutismen sind da natürlich einfacher gestrickt. Sie werden einem äußerlich aufgesetzt, wie Pappnase und Perücke und nehmen einem das Denken ab. Die Demokratie legitimiert sich nicht aus sich selbst. Sie ist da, wenn der überwiegende Teil einer Gesellschaft von Bürgern die geistige Reife zur Ausübung mit sich bringt. Alles andere verdient eine schwarze, endlose und betonschwere Diktatur und die Rute auf den Backen bis das Geschrei nach Liebe, Freiheit und Ethik größer wird als die Schwellung. Alle die das wollen sollen sich ruhig zurück lehnen. Euer Heil wird sich vielleicht schneller erfüllen, als ihr die Hände falten könnt. Ich bin froh an jedem Tag wo ich sehe, dass die Menschheit mittlerweile doch in größeren Teilen die Reife zur geistigen Freiheit entwickelt hat. Ich bin sogar optimistisch, dass die Ethik dem Samen entspringen wird, der einer Demokratie naturgemäß innewohnt.
