Eintrag #0023 - Samstag, 20. Juni 2009
Die egoistische Seite der Selbstlosigkeit
Was ist ein Wille? Lebendigen Erscheinungen wird zugeschrieben sie hätten einen Willen zur Selbsterhaltung. Dies ist der wohl grundsätzlichste Wille in einem Lebewesen. Ohne die Umsetzung dieses grundsätzlichen Willens machen so einige andere wahrscheinlich nicht mehr allzuviel Sinn. Der Selbsterhaltungstrieb ist oberflächlich betrachtet eine ziemlich egoistische Sache und er ist vielleicht die stärkste Triebfeder in einem sogenannten Lebewesen. Ich sage 'sogenannt', weil ich glaube, dass die Standard-Vorstellung von einem Lebewesen im Kopf eines Menschen dem gleicht, was man allerorten herumkrabbeln sieht. Aber ist ein biologischer Organismus wirklich selbstständig dazu fähig einen Willen zu äußern? Will ein Auto betankt werden?
Eigentlich muss man zwischen einem Willen und einem Trieb unterscheiden. Das eine ist eine bewußte Projektion, die aus einem Wunsch oder einer Vorstellung heraus entsteht. An sich neutral und somit möglicherweise egoistisch und altruistisch. Das andere – nämlich der Trieb – ist dagegen kein bewußt angestrebtes Ereignis, sondern wird dem Willen aufgesetzt. Wie der Name schon aussagt wird das Wesen dazu getrieben dem Ruf zu folgen, den der Trieb aussendet. Schon möglich dass der Wille sich dann mit dem Trieb gleichschaltet und mit ihm einstimmt. Aber ich denke es ist immer der Trieb, der das Diktat beherrscht. Es sei denn der Wille eines Wesens ist aus logischen, also vernünftigen Gründen diszipliniert genug, um dem Trieb die Dominanz abzunehmen. Vielleicht indem der logische Verstand den Trieb entlarvt und die nachhaltige Entwicklung in Gedanken vorwegnimmt, um sie letztlich willentlich auszuschließen. Ich lasse das mal so abstrakt stehen, da ich mir denke wie schwer dieses Vorhaben ist und, dass jedes Beispiel eine Leichtigkeit in die Erklärung bringen würde, wo sie nichts zu suchen hätte.
Ich glaube es gibt zwei Arten eines Triebes. Die eine Art zwingt einen Menschen dazu endlos viele Pizzen, Kaviar und diverse Hummerersatzmahlzeiten in sich hinein zu stopfen. Dieselbe Art von Trieb bringt Männchen und Weibchen dazu wunderliche Dinge mit Haaren, Körperbau, Vorgarten oder Lackpolitur und vielen, vielen anderen Dingen zu tun. Manch verdorbenes Stück glaubt gar, dass alles was Männlein und Weiblein so im Leben anstrengen nur dem Zweck der kurzfristigen Populationsbereicherung diene. Ich persönlich betrachte diese "Erkenntnis" als ein simples Zeitgeistphänomen. Ich denke jedenfalls nicht, dass ein Mann/ eine Frau sich zum Beispiel freiwillig zölibatär verhält, damit eine Schaar gutgebauter Heterogenitäten im Gegenzug dafür mit schlüpfriger Nächstenliebe heranbraust. Ich denke dagegen sehr wohl, dass dieses und jenes durchaus einen anderen Hintergrund haben kann als Fi***n. Ich weiß das schockiert auf den ersten Blick.
Die zweite Art eines Triebes entsteht nicht aus einem biologischen Bedürfnis (Nahrungsaufnahme, Reinigung, etc) heraus, sondern liegt im Teil des lebendigen Selbst verankert. Dieser Teil hat – glaubt man den Weisen der alten Welt und der Welt davor – überraschenderweise gar nicht mal allzu viel mit Biologie zu tun. Diese Art von Trieb ist sehr gefährlich, da er immer dann, wenn die Vernunft ausbleibt, den Schaden von anderen Menschen bewirken kann. Ich denke jede Art von Machtanspruch, jede Art von Gewaltausübung, jede Art von Ausbeutungsverhalten, jede Art von Selbstüberhöhung wird aus diesem geistigen Trieb gespeist. Es sind Triebe, die nicht zum unmittelbaren Selbsterhalt notwendig sind und die allein der Übervorteilung anderer zum Zweck der Lustbefriedigung ausgelebt werden. Hier wird mancher denken, dass auch Gewaltbereitschaft oder die Fähigkeit zu Dominanz und Führung hier und dort für den Selbsterhalt notwendig sein kann. Mancher wird sagen, dass sogar die Gewaltbereitschaft und die Dominanz und Führungsstärke so manches Persönchens den Selbsterhalt ganzer Landstriche dienlich sein könne – also somit auch altruistisch sei. Dass das gedacht wird, wundert mich ebenso wenig wie das Denken bei der Sache mit dem Sex als einzigbestimmendem Lebensinhalt. Nur finde ich es in diesem Fall schade, dass die dämonische Tiefe einer in erster Linie auf sich selbst zugeschnittenen Lebensweise als grundsolide Sache verkauft wird. Schade finde ich allerdings vor allem, dass manche diese Überzeugung glauben können und sie sogar für vernünftig oder vollkommen halten. Die Sache selbst bedaure ich dagegen nicht, denn sie bleibt was sie ist und wird als solche abgerechnet werden. Das ist so sicher wie 1+1=2 oder der von diesem oder jenen bemühte spontane Wille zur Differenzierung dieser einfachen Rechnung zugunsten der eigenen Idee.
Alles das, was einen Willen hat, hat auch die Befähigung zu einer Wandlung oder Veränderung. Ob die Kraft zu Veränderung vorhanden ist, hängt von der Stärke eines Willens ab. Aus dieser Feststellung ergäbe sich Folgendes :: Wenn die Existenz von Allem eine Ursache hätte, dann müsste die Wandlung von dem "anfänglich Vorhandenen" zu "Allem was jetzt existiert" einen Willen voraussetzen. Die Frage deutet sich an, ob ein Wille etwas braucht aus dem heraus er sich äußern kann. Ich denke das ist nicht so. Rein mathematisch betrachtet kann ein Wille nicht ausschließlich aus einer wie auch immer gearteten Vorbedingung heraus agieren, weil dann ein Wille von dem Vorhandensein dieser Bedingung (also einem Ding oder einem Etwas) abhängen würde. Bloß dann wäre auch dieser "Urwille" nicht die Ursache von allem was existiert. Ich gehe dagegen von einem wandlungsfähigen Willen aus, der vor allem anderen da ist und erst dadurch alles andere ursächlich begründen kann. Und dann stellt sich die leicht unbeholfen widersprüchliche Frage was braucht ein Wille, um bedingungslos da zu sein? Die Antwort lautet Bewußtsein oder sogar das nächst höhere nämlich Selbstbewußtsein. Was sich aus dieser Überlegung ergibt (nämlich, dass dieses Bewußtsein der Urgrund für alles einschließlich der Zeit, dem Raum und allen Dingen ist) kann bei konsequenter Disziplin zu einem mystischen Erlebnis führen – also Vorsicht.
Die Erkenntnis ließe einen Verdacht aufkommen, der in etwa so aussieht :: Der Urwille steckt gegenwärtig in allen Zeitabschnitten der Existenz von Allem. Das Ideal ist offenbar lebendig, denn wir leben drin. Das heißt derjenige, der den Willen äußert und die Idee lebendig hält, ist ebenfalls lebendig. Das muss er sogar sein, weil er nicht entstehen musste und so auch nicht vergehen kann. Es sei denn er wollte selber zu existieren aufhören. Das würde allerdings keinen Unterschied zum jetzigen Zustand machen. Ein Wille ist wandelbar, aber der Wille an sich selbst ist da oder er ist es nicht. Wenn sich irgendwer fragen kann, ob dieser Urwille da ist, dann ist vielleicht der Zweifel daran legitim, aber er ist auch wie die Fragestellung selbst unsinnig. Der Urwille oder derjenige der ihn äußert ist Teil von Allem und liegt dort als neutrale Idee unter allem Vordergründigen verborgen. Das Vordergründige wäre alles das, was man in erster Linie oder auf den ersten Blick sehen mag. Nämlich zum Beispiel das Fehlen einer tieferen Idee, das Dasein zwiespältiger Wahrheiten, der Wert und Unwert der Dinge, die Geteiltheit oder Unterschiedlichkeit der Dinge, oberflächliche Ziele, Vergänglichkeit, Schmerz, .... aber vor allem das ICH.
Das Ich zeichnet sich durch den Selbsterhaltungswillen aus. Der zweitstärkste Wille ist wohlmöglich der Wille zu Reflexion. Das Erste und das Letzte was ein Mensch tut ist das Sammeln von Erkenntnis und das Fragen nach dem Wie, dem Warum und so weiter. Manchmal kann die letztliche Erkenntnis eines fraglichen Zusammenhangs zu einem Verleugnen der Reflexion führen. Wahrheit ist so blendend, dass ein Mensch sein Augenmerk lieber auf das vom Licht angestrahlte wendet, denn aus dem Spiel zwischen Licht und Schatten erkennt er seine eigene Verwandschaft zu allem was ihn umgibt. Das Starren in das unvergängliche Licht würde ihn dagegen nur bedingt zu einem Erkennen und viel wahrscheinlicher in die Erblindung führen. Mit anderen Worten führt das Sehen des ewigen Lichts zur Auflösung des individuellen Ich. Eine solche Existenz wäre gewissermaßen Zeitverschwendung, weil damit keinerlei Erkenntnis außer der Ursächlichkeit enstanden wäre. Die alleinige Erkenntnis ihres Daseins ist zwar gut und richtig, aber insofern sinnlos, als dass ihr Dasein niemals wahrhaft in Frage steht. Und deswegen gibt es die Wahrheit, welche die von ihr abstammenden Dinge einseitig anstrahlt und Schatten auf der Rückseite zuläßt. Dem Willen eines Menschen obliegt anschließend die Aufgabe das Objekt zu deuten oder die individuelle Ansicht als einzige Wahrheit zu feiern. Da gibt es dann die sinnliche Vernunft und zudem die übersinnliche Vernunft. Die sinnliche Vernunft führt zum nie endenden Erkennen der unendlichen Dinge, aber nicht zum Erkennen ihrer Ursache oder ihrem einzigen Sinn. Die sinnliche Vernunft bildet die Treppe, welche über die Reflexion vieler Teile zu einer vagen Ahnung von der Gesamterkenntnis führt, in deren Verlauf das individuelle Ich bei Aufgabe des eigenen Willens zum Ur-Ich und dem Urwillen werden kann. Dieser Urquell allen Daseins, aller Information und allen Wissens ist an sich vorhanden, aber gleichzeitig vollkommen neutral und ohne jeden Wertunterschied. Das heißt er ist zwar da, aber für die fünf vordergründigen Sinne eines Menschen unsichtbar. Nur der transzendente Sinn – der Geist – kann das Wissen und die Information auffassen. Weil er ein völlig neutrales Gesamtgut darstellt, äußert sich der Wille des Ursprungs somit niemals in einem auf sich selbst bezogenen Wert, sondern nur als neutrale Idee, als neutrale Projektion von Licht, oder Wärme, oder einer Fülle von Selbstlosigkeit und Liebe. Die Botschaft darin scheint mir in etwa wie folgt zu lauten ::
"Ich will, dass du lebst ... Wachse und reife mit dem Wissen um deinen Ursprung und lasse den Glauben in dir zu, der dich mir näher bringt so wie ich dir die Freiheit lasse den Glauben anzunehmen, der dich mir fernhält."
