Leichen im Keller

Eintrag #0040 - Mittwoch, 16. Mai 2012
Du hast nix, also gib's her

Momentan scheint die ganze Welt auf dem Freiheits- und Friedenskarussell zu sitzen. In Ländern, in denen bislang westliche Werte wie Gedankengift behandelt wurden, blühen dank der elektronischen Vernetzung Widerstandsbewegungen auf. Jahrzehntealte Apparate gierender Kasten wurden demontiert – und leider teils durch neue Apparate gleicher oder ähnlicher Funktion ersetzt. Das Muster ist dennoch unverkennbar. Seit sogar weniger florierende Staaten ihren Bürgern den Weg zu Computern und Weltnetz möglich machten, wanken vormalige Kathedralen der liebgewonnenen Bevormundung. Und in westlichen Ländern wo dies seit längerem normal geworden ist, geht alles einen Schritt weiter. Dort soll die Freiheit grenzenlos sein und sogar bedingungslosen Wohlstand für alle ermöglichen. Ich denke einige Stimmen sprechen bereits vom Beelzebub und schwenken mahnend den Zeigefinger. Denn Freiheit ist an sich zwar keine schlimme oder gar gefährliche Sache. Wenn aber die Freiheit des einen den Geltungsbeschnitt anderer Menschen befürwortet, kann schwerlich von Gerechtigkeit die Rede sein.

soupEine Gruppe von Freibeutern macht zur Zeit Furore, wie man so schön sagt. Die Umfragewerte steigen. Sie wird von Anheimgefallenen als "gute Alternative" bezeichnet. Von Außenstehenden reichen die Äußerungen von Wackelpudding bis ernstzunehmende Gefahr. Eine politische Versammlung, die vor allem mit Provokationen und weniger mit Errungenschaften glänzen kann, würde ich es nennen. Vor allem aber schwappt offenbar der Dilettantismus, den das Fernsehen und das Internet seit Jahren als originelle Alternative kultivieren, nun endgültig ins Tagesgeschäft staatlichen Diskurses. Dies nicht nur in Deutschland, sondern dank elektronischer Annäherung Virusartig in bald allen Ländern der Erde. Vielleicht ist es nur konsequent der undurchsichtigen Anbiederung von Politik und Wirtschaft, die ja in ihrem vollen Ausmaß zu vielfältigem Unverständnis beim kleinen Mann führt, mit dem Aufheben vom bisherigen Verständnis von Seriösität zu begegnen. Meines Erachtens nach ist diese orange Sturm & Drang-Partei keine gute Alternative, aber im Gegensatz zur etablierten Ordnung eine bessere. Zur Entflechtung oder der einfachen Bemängelung des Filzes scheint mir die Wahl einer kleinen Prise Chaos als durchaus sinnvoll. Ich würde dies mit langem Atem und auch bis zum "alternativen" Kanzler vertreten. Ich denke zur Besserung eines Wucherzustandes kann das Umgraben des Gartens durchaus ein richtiger Schritt sein. Natürlich ist es utopisch an eine bessere Welt unter Piratenführung zu glauben. Man sollte sie eher als Hebel ansehen. Weil ich zudem an die weite Verbreitung dieser Ansicht unter den unabhängigen Fürsprechern glaube, sehe ich den orangen Kanzler mittelfristig nicht wirklich kommen. Reflexe zur Angleichung unter etablierten Interessenvertretern sind dagegen bereits auszumachen. Und dies sollte auch Sinn und Zweck provokativen Aufstehens sein. Man muss die trägen Windwürmer zwicken, damit sie merken wo es drückt.

Es gibt einzelne Ansichten der Piraten, die außer den oberflächlichen Faktoren durchaus mein verstärktes Interesse erwirken. Dies aber nicht erst seit dem Auftritt dieser Partei. Eine Sache, die dazu gehört ist das sogenannte Bedingungslose Grundeinkommen. Die Idee des BGE ist, dass jeder Mensch ab seiner Geburt ein natürliches Anrecht auf ein selbstbestimmtes, freies Leben hat. Man soll also ohne körperliche oder geistige Arbeit frei von jeglicher Bedingung zum Unterhalt eines Lebens oberhalb der einfachen Existenz befähigt werden. An sich ist das meines Erachtens nach ein guter Gedanke. Was soll schlecht daran sein, dass ein Mensch ein Leben in vollkommener Selbstbestimmung lebt? Wir sprechen seit 1945 von Demokratie und Freiheit, aber die Menschen werden täglich zum Verrichten irgendwelcher Tätigkeiten gezwungen, mit deren Hilfe ihr Überleben nach bisherigem Verständnis erst letzgültig legitimiert wird. Natürlich werden Nichtarbeitende Anteile der Bevölkerung nicht fallen gelassen und müssen dann bald langsam in irgendeinem Erdloch sterben. Wir haben schließlich einen Sozialstaat mit allerlei Sicherungen aufgebaut. Aber Leute die nicht arbeiten sind dennoch stets zur Legitimation ihrer einfachsten Bedürfnisse gezwungen. Man ist dem Staat, also der Gemeinschaft im Grunde genommen ein Dorn im Auge, da man frisst und schei*t und deswegen auch Gegenleistung bringen muss. Der Dorn im Auge der Gesellschaft wird erträglicher, wenn er durch Einsatz gemildert und besänftigt wird. Verschwinden wird er frühestens erst mit dem vergrabenen Holzkasten. Aber selbst dann bleibt der Mensch eigentlich immer noch eine Irritation im rauwelligen Teppich der Gesellschaft, wo jeder Einzelne eine Faser stellt und Ausfälle die Qualität mindern. Das ist Biologie, das ist Evolution. Seit Jahrhunderten gilt der Regelfall :: gib, dann wird dir gegeben. Erst mit dem Überwinden des rasse-internen Beissreflexes und damit dem Recht des Stärkeren hat die Gesellschaft einen Fortschritt zur Durchbrechung des einfachen Menschseins geschafft. Man kann über sich hinausgehen und sich auch für die Allerschwächsten aufopfern. Dennoch gilt für alle Einsatzkräftigen weiterhin das Prinzip vom Arbeitsentgelt. Das Entgelt von Arbeit sichert zudem den eigenen Verfall vor dem Abgleiten in Hilflosigkeit. Alles das ist vollendet sinnvoll und gerecht. Jedoch ist es schwer als gerecht zu verkaufen, dass mancher kurz befristete Einsatz sogleich den totalen Dollarsegen bewirkt. Es gibt Einrichtungen, die den Einsatzkräften nach baldigem Dienstausscheid honorige Sümmchen sichern. Zur Rechtfertigung führt man große Verantwortung und sonstige außergewöhnliche Belastungen an. Als wenn Klofrauen jegliche Verantwortung und Belastung mit nem weißen Blättchen fortwischten. Die Ungerechtigkeit, welche zu Millionen auf der einen und Minusbeständen auf der anderen Seite führen, schreien mannigfaltig zum gewittrig verhangenen Himmel.

Fakt ist :: kein aufrecht arbeitender Mensch in diesem modernen Land ist wirklich frei. Anstelle dessen wird er zu Pendlerfahrten, Zugeständnissen in Kleidung, Zeit, Ausdauer, zum Verzicht genötigt. Klar kann man alle diese Zwänge freiwillig abschütteln und ins Kloster gehen. Man kann die Behauptung aufstellen, dass gar niemand zum Arbeiten gezwungen ist, denn es ist ja niemand da, der die Peitsche schwingt. Das ist allerdings so, als würde man behaupten Zeit sei nicht zum Vergehen gezwungen. Wenn man aus dem dreiundneunzigsten Stock springt wird niemand behaupten können, man könne ja einfach doll genug nach oben springen und wird dann sicher mit ein bißchen Glück den Zipfel von Petrus Unterhose zu fassen kriegen. Nein, der Zwang ist trotz aller gegenläufigen Beteuerungen da. Und er ist auch der Grund weshalb Motivation auf abschüssiges Gelände gerät, weshalb Frust blüht, weshalb Chef alles und du nix ist. Selbstverständlich ist die Leistung eines Unternehmers nicht hoch genug zu schätzen. Er schafft im Verbund mit Seinesgleichen blühende Landschaften. Und doch sind alle diese Landschaften von wenigen Übersättigten und einer Masse an Lebenszeit betrogener Menschen bevölkert. Ist es richtig von einer Standesvorstellung auszugehen, wo flinke, gesunde Sinne den Führungsanspruch über die träge, unwillige Masse rechtfertigt? Ist es menschenwürdig, wenn Frau Schmidt das Klo von Herrn & Frau Mayer-Rothschild saubersaugt? Ich denke die Befreiung des Menschen geringer Stellung aus dem Zwang wäre ein weiteres großes und vor allem großmütiges Zeichen von gesellschaftlichem Fortschritt. Gar nicht davon zu sprechen, dass ein Zugewinn an Kaufkraft auch einen unmittelbaren Gewinn für den rechtschaffenden Unternehmer ergäbe. Was nutzen Zigmillionen Euro auf dem Konto eines Menschen und was nutzen Zigmilliarden Euro auf den Konten von zwanzig, dreißig Leuten? Wie soll Wohlstand für die Allgemeinheit funktionieren, wenn niemand von dieser Allgemeinheit Geld zum Ausgeben hat? Aber die wichtigste Frage ist :: Wieso muss ein Mensch sein Leben durch Arbeit freikaufen?

Die Idee des BEG ist keine soziale Idee. Es geht beim BEG nicht in erster Linie um das Allgemeinwohl. Es geht um das Wohl jedes Einzelnen. Eigentlich ist es aber vom Standpunkt des Einzelnen aus betrachtet eine zutiefst asoziale Idee, denn er erhält etwas ohne etwas zu geben. Es geht aber auch nicht um Verbundenheit zum Nächsten, sondern allein um ein Mittel zur Heranbildung eines Selbst. Wer man sein möchte, sollte beispielsweise nicht mehr vom Reichtum der Eltern oder der Herkunft abhängig sein. Allein der eigene Wille sollte Maßstab für den Lebensweg sein. Das Gemeinwohl wäre erst im Nachhinein gestärkt und eigentlich ginge der Staat somit in Vorkasse, wenn er dem Einzelnen eine Starthilfe gäbe. Es wäre jedem Menschen frei gestellt sich am Gemeinwohl zu beteiligen, oder aber auf der schicken neuen 10.000 Euro-Couch vor dem schicken neuen 20.000 Euro- Flatscreen zu darben. Auch wäre es überhaupt kein Problem auf die Auszahlung des BEG zu verzichten, falls man den Standpunkt hätte es nicht zu benötigen. Verbundenheit käme hier vor allem zuerst durch den Staat zum Vorschein, der jedem Bürger ohne Vorbedingungen ein freies Leben ab dem ersten Tag ermöglichen würde. Sozial ist das Modell erst durch die nachfolgenden Synergien. Wenn der Staat das Wohl, das Glück und die Freiheit des Einzelnen will, dann muss auch die Nullnummer in Kauf genommen werden. Denn die Anerkennung von Freiheit bedeutet auch das Anerkennen des Scheiterns. Ungeachtet jener Personen, die einen anderthalbtausender auf ihrem Monatsauszug als Einladung zum Breitsitzen ansehen würden, sehe ich das Gros der Gesellschaft mit sinnvollen Dingen beschäftigt. Schon jetzt gehen viele Idealisten beim Bau einer gesunden Infrastruktur von Waren und Dienstleistungen auf. Ich denke kein Unternehmen wird aus dem einfachen Zwang zu Arbeit geboren, sondern aus einem Idealismus. Ich denke aber, dass sich viele Arbeiter freiwillig beim Bau einer gesunden Gesellschaft integrieren würden, wenn ihnen die Wege frei stünden. Man kann das naiv nennen. Man kann auch sagen Ackergäule seien für selbstbestimmtes Handeln nicht geboren. Ist die menschenverachtende Einstellung also besser als der gutmütige Glaube an den Idealismus des kleinen Mannes?

Ich denke es ist gar nicht möglich, dass die arbeitsfähige Bevölkerung Deutschlands im Gesamten produktive Arbeiten verrichten könnte. Es ist im Gegensatz zum BEG eine viel größere Utopie, dass die Arbeitslosenquote dauerhaft auf 0,1% oder darunter fallen könnte. Ich denke es gibt sogar Mechanismen, die der Arbeitslosigkeit eines prozentualen Bevölkerungsanteils dienen. Denn so kann man stets mit dem Unheil des Erwerbslosentums drohen und die schwitzenden Angestellten zu noch mehr Einsatz hetzen. Es ist aber auch gar keine Frage, dass technologische Produktionshilfen zur Minderung des Einsatzes von Personalkostenstellen gern gesehen sind. Die Verkleinerung der Betriebsbelegschaften ist unter vielen Aspekten ein willkommenes Geschehen. Somit wird dem kleinen Mann weniger Geld zuteil und damit beschneidet sich die Wirtschaft in ihrer eigenen Entwicklung. Nachhaltigkeit sieht anders aus.

Dies soll keine Werbetrommel für irgendwas sein. Es ist lediglich – wie auch in allen anderen Beiträgen davor und danach – eine Sammlung von Gedanken. Nicht mehr und nicht weniger.

Nebenbei
man spricht von 'Leichen im Keller' wenn jemandes Vergangenheit unpopuläre Geheimnisse beinhaltet, die gern unter Verschluss behalten werden. Lebensirrtümer und kleingeistige "Phobosophien", die dem Anerkennen von Wahrheit im Weg stehen. Das Konzept dieser Seite, die sich der Blog-Familie zugehörig fühlt aber sich selbst als schwarzes Schaf davon versteht, möchte sich vorwiegend den fragwürdigen Inhalten der sogenannten Moderne und weniger dem Vergangenheitsverdränger widmen.

Im Klartext ... Es geht nicht um Leichen sondern um Wahrheit. Oder genauer um die Wahrheitsfindung aller Art. Wobei nicht mein Anliegen ist die Wahrheit zu okkupieren oder sie für mich zu beanspruchen. Meine Idee beschränkt sich auf einfacher, banaler Mitteilungsliebe und dem vagen und unscharfen Gefühl von Gerechtigkeit und Provokation.

Es kann aber hier und da auch einfach nur um die Freude am Schreiben gehen und im Großen und Ganzen nimmt sich das hier auch nicht allzu wichtig.

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Du hast nix, also gib's her

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suasti

Eintrag #0039 - Dienstag, 15. Mai 2012
Mutti, in welches Netz gehen wir morgen?

Ich sagte vor kurzem in einem Internet-Forum "Alles ist Geist". Diese Aussage führte zu Zweifeln, denn Geister gibt es ja eigentlich gar nicht. Einer meiner verneinenden Gesprächspartner wollte nicht verstehen, weshalb der Gedanke originaler sein sollte, als der schriftlich niedergelegte Gedanke. Diese Kurzsichtigkeit meiner Mitmenschen ist immer wieder belustigend. Auch dann, wenn sie die Verbindung von Informationen für eine ausgesprochen moderne Sache halten. Vor fünfzehn Jahren war man interessant, wenn man sagte, man hätte das Internet zuhaus. Das ist heute natürlich schon längst ein alter Hut. Es ist wie bei einer Glühlampe – man legt den Schalter um und es leuchtet. Fertig! Modernität und Fortschritt scheint darin zu bestehen anstelle eines Faustkeils einen Hammer zu benutzen. Ich denke materieller Fortschritt ist sicher schon eine ehrenwerte Leistung. Ich denke aber auch, dass die grundsätzliche Anständigkeit dieser Bemühung unter dem fehlenden geistigen Fortschritt ihrer Benutzer leiden kann. Einen Hammer kann schließlich auch ein Pavian halten.

the skullzDer Begriff Neuronale Plastizität sagt etwas über die Fähigkeit des menschlichen Denkens zur bewußten oder unbewußten Umgestaltung des Gehirns. Durch das Denken ordnen sich Neuronenverbindungen neu, und so bildet sich durch das Denken ein entsprechendes Gehirn heraus. Eigentlich keine große Sache. Auch, wenn der Begriff und der ihm zugrunde liegende Sachverhalt seit einigen Jahren als große Neuentdeckung der Hirnforschung gilt. Wenn man mal folgende Metapher bemüht, dann könnte man das Internet als einen Zusammenschluss von Neuronen sehen. Das Internet, wäre demnach ein Gehirn, das täglich Myriaden an Informationen aufnimmt und mehr oder weniger sinnvoll ordnet. Ist das Internet intelligent? Das möchte ich mit großem Enthusiasmus verneinen. Das Internet ist zwar der Schwamm, in dem Informationen gesammelt werden. Aber es ist nicht Wille des Internets Informationen zu kennen. Für einen Computer ist jegliche Information neutral, denn der Rechner hat keine Vorlieben. Ein Computer ist nicht an Wissen interessiert und er will auch nicht wissen was richtig oder falsch ist. Man könnte sogar fast sagen ein Computer ist die perfekte Maschine für die Liebe zu Weisheit, denn ein Computer sagt (bei entsprechender Fütterung mit den Grundvariablen) immer das, was ist. Leider ist dieser Gedanke sehr naiv, denn die Anfütterung von Variablen geschieht durch den Nutzer meistens schon anhand von Kriterien, die als nützlich angesehen werden. Und wenn auch Eins und Eins immer Zwei ergeben wird, so ist bei komplexeren Sachverhalten gern mal die Interpretation von Resultaten von der Stärke des Milchglases vor dem interpretierenden Auge abhängend. Wenn es wirklich so wäre, dass Wissenschaft heute in jedem Fall immer objektiv forschen würde, dann würde man sicher nicht glauben das Denken wäre Resultat von Molekülketten.

Das Internet ist also zwar die Sammelstation für allerlei Informationen, welche die Gesellschaft gerade für brandheiß ansieht. Wenn man demnach den Vergleich mit einem Gehirn nicht scheut, dann wird einem das zeigen können, dass kein Gehirn dieser Welt eigenständig oder von sich aus intelligent ist. Erst der geistige Wille zu Erkenntnis oder der schiere Überlebenswillen macht das Hirn zu einer Sammelzentrale von Wissen. Das Wissen, oder das bewußte Wahrnehmen findet aber ganz, ganz sicher nicht im Hirn statt. Denn ebenso wie beim Internet ist es nicht das Internet, das Wissen, Weisheit oder Bewußtsein hat, sondern allein seine Nutzer. Es wäre auch hier falsch zu sagen, dass es Menschen seien, die das Wissen hätten. Natürlich sind es menschliche Benutzer, aber sie alle wären keine bewußten Teilnehmer, wenn ihnen der spiegelnde Geist in ihren Köpfen fehlen würde. Somit sind es Geister, die das elektronische Netz als Zwischenablage für mannigfaltiges Copy/Paste nutzen. Denn allein das ist Sinn und Zweck dieses Verbundnetzes – die allgemein zugängliche, ständig erreichbare und einheitlich verständliche Weitergabe von Gedanken.

Was dabei ein wenig tragisch anmutet ist der etwas blinde Optimismus all dieser Nutzer eines besonders fortschrittlichen Mediums Herr zu sein. Es ist zum einen tragisch, weil die Energieerzeugung zum Unterhalt des Netzes signifikant zur Verschlechterung der biologischen Lebensbedingungen seiner Nutzer beiträgt. Des weiteren kommt die Tragik in der Fragilität des ganzen Systems zum Ausdruck, das nur wenig Einbußen im Energiehaushalt nicht ausgleichen könnte. Die ganze Größe und Großartigkeit des Gebildes mitsamt allen darin befindlichen Informationen ist dahin, sobald die Bedingungen für seine Größe verschwänden. Und deren Verschwinden ist alles andere als unwahrscheinlich. Ich würde sagen das Internet ist wie eine Seifenblase, die so lange bunt schimmert, wie sie ihre Struktur geschlossen halten kann. Demzufolge ist alles im Netz abgesonderte Weltwissen bereits jetzt verloren. Vor allem natürlich dann, wenn man von der Unumgänglichkeit und Wichtigkeit dieses Wissensspeichers ausgeht. Ich sehe es durchaus als tragisch an, wenn ein Kind eine Seifenblase für etwas hält, dass man ewig konservieren müsste. Gleichsam bin ich ein bißchen irritiert, denn ich sage mir alles Wissen ist letztlich nichts ohne die geistige Dimension. Das wertet ein Internet einigermaßen ab, oder läßt es wenigstens den Stellenwert finden, den es für vernunftbegabte Menschen haben sollte. Aber das scheint heutzutage irgendwie nicht zu gelten. Die Welt hält sich dahingehend für die allerfortschrittlichste aller Zeiten. Alles nur weil Elektronik Eins und Null verarbeitet. Da Fortschritt ja auch mit konkretisierter Ahnung beziehungsweise dem Negieren von Glauben gleichgesetzt wird, kommt ein Wissensspeicher, in dem alles für alle jederzeit nachsehbar abgelegt werden kann, diesem Gedanken von Modernität sehr entgegen. Die Gleichung geht ja stets so :: Primitiv = nicht Wissend, Modern = Wissend. Das heißt primitiv ist nach diesem Verständnis derjenige, der nicht weiß wo er Wissen nachschlagen kann. Wer das Internet nicht nutzt, ist demnach primitiv, denn modern ist, wer nicht glaubt und anstelle dessen weiß.

Wenn ein Hirnforscher heute sagt, dass Gedanken einen Einfluss auf die Strukturen des Gehirns haben, gilt das als Sensation. Würde man auf die Straße gehen und dort behaupten, dass Gedanken die Grundlage nicht nur eben für die Straße, sondern auch für alle daran anschließenden Häuser oder gar die Stadt seien, würde man mit großer Wahrscheinlichkeit das ein oder andere Kopfschütteln ernten. Und irgendwo würde sicher auch jemand "Esoterik" flüstern und der Nebenstehende nicken und hämisch grinsen. Dabei ist es keine wirklich erschütternde Aussage. Dieser Text ist ursprünglich aus Gedanken entstanden. Der Bildschirm, auf welchem ich die Zeilen lese, kam dereinst aus dem Gedanken eines Elektronikingenieurs bei Siemens. Das Haus, in dem ich sitze, war einst Vision eines Architekten. Die Liste ist quasi unendlich, denn wirklich alles, was der moderne Mensch für eine Selbstverständlichkeit oder gar ein Resultat körperlicher Arbeit hält, war irgendwann einmal eine einfache Idee. Wenn alles dies irgendwann den Gang des Staubes gegangen ist, wird es immer noch Erinnerungen an die Dinge geben – zeitlose Abbilder in den Köpfen von Nostalgikern. Aber es gibt noch eine weitere Perspektive, die eigentlich sehr einfach zeigt, dass alles Wahrnehmbare auf Geist beruht. Denn ohne die geistige Spiegelung wäre schwerlich irgendetwas als Etwas erkennbar. Wenn also allein der Geist die Welt wahrnimmt, wird auch das Wahrgenommene Abbild einer geistigen Darstellung sein. Es muss ja nicht zwingend ein Mensch Darsteller gewesen sein. Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts sagen nur die fünf Sinne nähmen die Welt wirklich wahr. Aber in Wirklichkeit tut es meiner Ansicht nach allein der Geist. Ich habe jedenfalls noch niemals von einem Auge gehört, das etwas gesehen hätte. Und Ohren sollen ohne sinnvolle Reflexion aus dem Geist ebenfalls nur sehr selten zum Erkennen von Musikstücken neigen. Es mag Ausnahmen geben.

In alten Religionen wird manchmal davon gesprochen, dass die Welt, wie wir sie kennen, eigentlich nur ein illusorisches Theater sei. Wann immer man diesen Glaubenssatz einem "modernen Skeptiker" vorträgt, wird er anfangen die vermeintlich minderwertige Täuschung mit allerlei Beispielen in Frage zu stellen. Er wird schlichtweg nicht einsehen, dass man auch in einem Rollenspiel immer noch um das Bestehen von Prüfungen besorgt sein muss. Er wird nicht einsehen wollen, dass alles, was er aus Gründen des Anspruchs von Ratio und Vernunft für absolut wirklich und konkret erfahrbar hält, eigentlich nur eine jeweils individuelle Vorspiegelung von Scheinwahrheiten ist. Ein von seiner hohen Ratio überzeugter Mensch wird immer sagen, er hielte viel auf das, was er ganz persönlich als wahrgenommen akzeptiert. Dass er vermutlich hier und dort mal ungläubig mit dem Kopf schüttelt, wenn er an einer Bahnschranke halten muss, sollte man ihm lieber nicht unter die Nase reiben. Fest steht, dass wirklich absolut alles, was der Wahrnehmung erscheint, allein durch geistige Spiegelung und Zuordnung als Wirklich da seiend erkannt werden kann. Dabei ist auch egal, ob eine solche Erscheinung durch stoffliche Wechselwirkungen auf kleinster Ebene als Fest angesehen wird. Jeder weiß, dass selbst härteste Materialien niemals ewig bestehen. Somit ist jeder Form von materieller Festigkeit eigentlich allenfalls eine relative Beständigkeit gegeben. Die Festigkeit hängt dabei zum Beispiel von der Beschaffenheit der Hände ab, die den Feststoff berühren. Oder aber von der Beschaffenheit der Augen, die eine Erscheinung aufnehmen. Zu sagen "ich sehe etwas, also ist es da" ist demnach eine kurzsichtige (wenn auch in einem bestimmten Rahmen durchaus sinnvolle) Äußerung. Es ist nicht so, dass die illusorische Qualität der Welt gleich eine Herabstufung für den Menschen bedeutet. Natürlich läßt sich nicht jeder gern ins Bockshorn jagen. So wird auch niemand ernsthaft sagen er wolle die Welt nur noch als Täuschung ansehen. Aber das liegt eigentlich nur an dem Wert, den man den stofflichen Sinnen (Auge, Ohr, Nase, Haut, Mund) zuschreibt. Sie gelten als Maßstab für Wirklichkeit. Der Geist, der all diese Sinne erst mit Leben füllt und damit auch erst jegliche Form von Wirklichkeit erfahrbar macht, gilt komischerweise als unbeständig und missverständlich. Es ist also so, dass das, was die Welt im Kern zusammenhält, als unwirklich angesehen wird. Für mich ist es kein Wunder, dass der von seinen tierischen Sinnen bestimmte Mensch die wirklichen Maßstäbe nicht erkennt, nach denen die Welt funktioniert. Andererseits wäre es allerdings auch vermutlich keine besonders lebenswerte Erfahrung, wenn jederman sein diesseitiges Leben als Schein abtäte. Aber ich denke die Tatsache, dass es von der Mehrheit aller als Wirklichkeit wahrgenommen wird, liegt darin, dass eben fast alle denselben Eindruck teilen. Und zwar mit allen Konsequenzen – gut wie schlecht, angenehm wie quälend.

Für die Gesellschaft bedeutet die Vernetzung der Gedanken die Wahrwerdung eines Traums. Jeder Mensch sehnt sich nach Nähe zu entfernten Freunden, nach Zuneigung und Zuspruch, nach der einfachen Möglichkeit seinem Hiersein einen Sinn zu verleihen. Das zum Beispiel durch die Verbreitung der eigenen Weltsicht. Alles im Internet ist Abbild dessen, was der Gesellschaft und dem Einzelnen wichtig ist. Dabei sind selbstverständlich auch Dinge, die man ihrer unethischen Inhalte wegen verachten muss. Die Vernetzung, das Netz oder das Internet ist (inklusive aller dunklen und verborgenen Nebenflüsse) ein Abdruck der Begierden des Menschen mit all seinen Schwächen, Stärken, Träumen, ... Wer die Gesellschaft als Erscheinung im Gesamten kennenlernen möchte, wer wissen möchte was einen Menschen ausmacht, der muss sich den Spiegel seiner Natur anschauen. Das geht soweit, dass man sagen könnte :: Wer sich selber erkennen möchte, der muss sein Surfverhalten beobachten. Und vielleicht sollte er die Zeichen deuten lernen. Ich denke es ist mit Traumdeutung vergleichbar. Zur Identifizierung seiner Nutzer und der Filterung der individuellen Nutzervorlieben nutzt das Internet zu jeder Sekunde seine Möglichkeiten. Aber es ist natürlich nicht das Internet, das wissen anhäufen möchte, sondern die Nutzer, welche die Daten über andere Nutzer als wertvolle Ressource erkannt haben. Das Geschehen im Internet ist im Grunde nichts weniger, als das Lesen in den Gedanken anderer Menschen. Denn alles was dort existiert ist geistige Information und alles was dort gehandhabt wird, sind Gedanken. Im Grunde genommen ist das Internet die elektronische Umsetzung der Telepathie. Zu dieser Kunst fühlen sich heute wohl die allerwenigsten wirklich berufen, denn wahr ist allein die feste, einheitlich und übergreifend erfahrbare, unanzweifelbare Materie. Und deren Taktstock folgt komischerweise jedes moderne Auge.

Für die Zweifler ist das Internet das allerheiligste und teuerste Geschenk der Moderne. Für diejenigen, die auch ohne allgemeine Gewissheit Wissen können, ist das Internet ein logischer Schritt. Es ist eine konsequente Weiterentwicklung der geistigen Beschränkungen der sogenannten Moderne, die alles Geistige ins Fabelreich verbannt hat, weil der Masse von lebenden Menschen jede Verbindung in die höheren Sphären abhanden gekommen ist. Man hat diese Verbindung den Menschen madig geredet. Und die Errungenschaften des heutigen Tages sind ihnen allen Beleg für die Nutzlosigkeit jeder Spiritualität. Der Irrtum in dieser Weltschau ist schon traurig, aber die offensichtliche Scheinheiligkeit der festen Überzeugung ist ein Grund für Wut im Bauch. Jedoch ist Letzteres nun wirklich kein gangbarer Weg für einen dem Licht zustrebenden Spirit. Somit bleibt allein Verständnis und Gewissheit um die Gesetze der Natur, die bei allen menschlichen Vorlieben und Verwindungskünsten doch stets unbestechlich und beständig sind.

© 4nt|bürger4711 August 2008 - - letzte Änderung: Mittwoch, 16.05.2012