Eintrag #0039 - Dienstag, 15. Mai 2012
Mutti, in welches Netz gehen wir morgen?
Ich sagte vor kurzem in einem Internet-Forum "Alles ist Geist". Diese Aussage führte zu Zweifeln, denn Geister gibt es ja eigentlich gar nicht. Einer meiner verneinenden Gesprächspartner wollte nicht verstehen, weshalb der Gedanke originaler sein sollte, als der schriftlich niedergelegte Gedanke. Diese Kurzsichtigkeit meiner Mitmenschen ist immer wieder belustigend. Auch dann, wenn sie die Verbindung von Informationen für eine ausgesprochen moderne Sache halten. Vor fünfzehn Jahren war man interessant, wenn man sagte, man hätte das Internet zuhaus. Das ist heute natürlich schon längst ein alter Hut. Es ist wie bei einer Glühlampe – man legt den Schalter um und es leuchtet. Fertig! Modernität und Fortschritt scheint darin zu bestehen anstelle eines Faustkeils einen Hammer zu benutzen. Ich denke materieller Fortschritt ist sicher schon eine ehrenwerte Leistung. Ich denke aber auch, dass die grundsätzliche Anständigkeit dieser Bemühung unter dem fehlenden geistigen Fortschritt ihrer Benutzer leiden kann. Einen Hammer kann schließlich auch ein Pavian halten.
Der Begriff Neuronale Plastizität sagt etwas über die Fähigkeit des menschlichen Denkens zur bewußten oder unbewußten Umgestaltung des Gehirns. Durch das Denken ordnen sich Neuronenverbindungen neu, und so bildet sich durch das Denken ein entsprechendes Gehirn heraus. Eigentlich keine große Sache. Auch, wenn der Begriff und der ihm zugrunde liegende Sachverhalt seit einigen Jahren als große Neuentdeckung der Hirnforschung gilt. Wenn man mal folgende Metapher bemüht, dann könnte man das Internet als einen Zusammenschluss von Neuronen sehen. Das Internet, wäre demnach ein Gehirn, das täglich Myriaden an Informationen aufnimmt und mehr oder weniger sinnvoll ordnet. Ist das Internet intelligent? Das möchte ich mit großem Enthusiasmus verneinen. Das Internet ist zwar der Schwamm, in dem Informationen gesammelt werden. Aber es ist nicht Wille des Internets Informationen zu kennen. Für einen Computer ist jegliche Information neutral, denn der Rechner hat keine Vorlieben. Ein Computer ist nicht an Wissen interessiert und er will auch nicht wissen was richtig oder falsch ist. Man könnte sogar fast sagen ein Computer ist die perfekte Maschine für die Liebe zu Weisheit, denn ein Computer sagt (bei entsprechender Fütterung mit den Grundvariablen) immer das, was ist. Leider ist dieser Gedanke sehr naiv, denn die Anfütterung von Variablen geschieht durch den Nutzer meistens schon anhand von Kriterien, die als nützlich angesehen werden. Und wenn auch Eins und Eins immer Zwei ergeben wird, so ist bei komplexeren Sachverhalten gern mal die Interpretation von Resultaten von der Stärke des Milchglases vor dem interpretierenden Auge abhängend. Wenn es wirklich so wäre, dass Wissenschaft heute in jedem Fall immer objektiv forschen würde, dann würde man sicher nicht glauben das Denken wäre Resultat von Molekülketten.
Das Internet ist also zwar die Sammelstation für allerlei Informationen, welche die Gesellschaft gerade für brandheiß ansieht. Wenn man demnach den Vergleich mit einem Gehirn nicht scheut, dann wird einem das zeigen können, dass kein Gehirn dieser Welt eigenständig oder von sich aus intelligent ist. Erst der geistige Wille zu Erkenntnis oder der schiere Überlebenswillen macht das Hirn zu einer Sammelzentrale von Wissen. Das Wissen, oder das bewußte Wahrnehmen findet aber ganz, ganz sicher nicht im Hirn statt. Denn ebenso wie beim Internet ist es nicht das Internet, das Wissen, Weisheit oder Bewußtsein hat, sondern allein seine Nutzer. Es wäre auch hier falsch zu sagen, dass es Menschen seien, die das Wissen hätten. Natürlich sind es menschliche Benutzer, aber sie alle wären keine bewußten Teilnehmer, wenn ihnen der spiegelnde Geist in ihren Köpfen fehlen würde. Somit sind es Geister, die das elektronische Netz als Zwischenablage für mannigfaltiges Copy/Paste nutzen. Denn allein das ist Sinn und Zweck dieses Verbundnetzes – die allgemein zugängliche, ständig erreichbare und einheitlich verständliche Weitergabe von Gedanken.
Was dabei ein wenig tragisch anmutet ist der etwas blinde Optimismus all dieser Nutzer eines besonders fortschrittlichen Mediums Herr zu sein. Es ist zum einen tragisch, weil die Energieerzeugung zum Unterhalt des Netzes signifikant zur Verschlechterung der biologischen Lebensbedingungen seiner Nutzer beiträgt. Des weiteren kommt die Tragik in der Fragilität des ganzen Systems zum Ausdruck, das nur wenig Einbußen im Energiehaushalt nicht ausgleichen könnte. Die ganze Größe und Großartigkeit des Gebildes mitsamt allen darin befindlichen Informationen ist dahin, sobald die Bedingungen für seine Größe verschwänden. Und deren Verschwinden ist alles andere als unwahrscheinlich. Ich würde sagen das Internet ist wie eine Seifenblase, die so lange bunt schimmert, wie sie ihre Struktur geschlossen halten kann. Demzufolge ist alles im Netz abgesonderte Weltwissen bereits jetzt verloren. Vor allem natürlich dann, wenn man von der Unumgänglichkeit und Wichtigkeit dieses Wissensspeichers ausgeht. Ich sehe es durchaus als tragisch an, wenn ein Kind eine Seifenblase für etwas hält, dass man ewig konservieren müsste. Gleichsam bin ich ein bißchen irritiert, denn ich sage mir alles Wissen ist letztlich nichts ohne die geistige Dimension. Das wertet ein Internet einigermaßen ab, oder läßt es wenigstens den Stellenwert finden, den es für vernunftbegabte Menschen haben sollte. Aber das scheint heutzutage irgendwie nicht zu gelten. Die Welt hält sich dahingehend für die allerfortschrittlichste aller Zeiten. Alles nur weil Elektronik Eins und Null verarbeitet. Da Fortschritt ja auch mit konkretisierter Ahnung beziehungsweise dem Negieren von Glauben gleichgesetzt wird, kommt ein Wissensspeicher, in dem alles für alle jederzeit nachsehbar abgelegt werden kann, diesem Gedanken von Modernität sehr entgegen. Die Gleichung geht ja stets so :: Primitiv = nicht Wissend, Modern = Wissend. Das heißt primitiv ist nach diesem Verständnis derjenige, der nicht weiß wo er Wissen nachschlagen kann. Wer das Internet nicht nutzt, ist demnach primitiv, denn modern ist, wer nicht glaubt und anstelle dessen weiß.
Wenn ein Hirnforscher heute sagt, dass Gedanken einen Einfluss auf die Strukturen des Gehirns haben, gilt das als Sensation. Würde man auf die Straße gehen und dort behaupten, dass Gedanken die Grundlage nicht nur eben für die Straße, sondern auch für alle daran anschließenden Häuser oder gar die Stadt seien, würde man mit großer Wahrscheinlichkeit das ein oder andere Kopfschütteln ernten. Und irgendwo würde sicher auch jemand "Esoterik" flüstern und der Nebenstehende nicken und hämisch grinsen. Dabei ist es keine wirklich erschütternde Aussage. Dieser Text ist ursprünglich aus Gedanken entstanden. Der Bildschirm, auf welchem ich die Zeilen lese, kam dereinst aus dem Gedanken eines Elektronikingenieurs bei Siemens. Das Haus, in dem ich sitze, war einst Vision eines Architekten. Die Liste ist quasi unendlich, denn wirklich alles, was der moderne Mensch für eine Selbstverständlichkeit oder gar ein Resultat körperlicher Arbeit hält, war irgendwann einmal eine einfache Idee. Wenn alles dies irgendwann den Gang des Staubes gegangen ist, wird es immer noch Erinnerungen an die Dinge geben – zeitlose Abbilder in den Köpfen von Nostalgikern. Aber es gibt noch eine weitere Perspektive, die eigentlich sehr einfach zeigt, dass alles Wahrnehmbare auf Geist beruht. Denn ohne die geistige Spiegelung wäre schwerlich irgendetwas als Etwas erkennbar. Wenn also allein der Geist die Welt wahrnimmt, wird auch das Wahrgenommene Abbild einer geistigen Darstellung sein. Es muss ja nicht zwingend ein Mensch Darsteller gewesen sein. Menschen des einundzwanzigsten Jahrhunderts sagen nur die fünf Sinne nähmen die Welt wirklich wahr. Aber in Wirklichkeit tut es meiner Ansicht nach allein der Geist. Ich habe jedenfalls noch niemals von einem Auge gehört, das etwas gesehen hätte. Und Ohren sollen ohne sinnvolle Reflexion aus dem Geist ebenfalls nur sehr selten zum Erkennen von Musikstücken neigen. Es mag Ausnahmen geben.
In alten Religionen wird manchmal davon gesprochen, dass die Welt, wie wir sie kennen, eigentlich nur ein illusorisches Theater sei. Wann immer man diesen Glaubenssatz einem "modernen Skeptiker" vorträgt, wird er anfangen die vermeintlich minderwertige Täuschung mit allerlei Beispielen in Frage zu stellen. Er wird schlichtweg nicht einsehen, dass man auch in einem Rollenspiel immer noch um das Bestehen von Prüfungen besorgt sein muss. Er wird nicht einsehen wollen, dass alles, was er aus Gründen des Anspruchs von Ratio und Vernunft für absolut wirklich und konkret erfahrbar hält, eigentlich nur eine jeweils individuelle Vorspiegelung von Scheinwahrheiten ist. Ein von seiner hohen Ratio überzeugter Mensch wird immer sagen, er hielte viel auf das, was er ganz persönlich als wahrgenommen akzeptiert. Dass er vermutlich hier und dort mal ungläubig mit dem Kopf schüttelt, wenn er an einer Bahnschranke halten muss, sollte man ihm lieber nicht unter die Nase reiben. Fest steht, dass wirklich absolut alles, was der Wahrnehmung erscheint, allein durch geistige Spiegelung und Zuordnung als Wirklich da seiend erkannt werden kann. Dabei ist auch egal, ob eine solche Erscheinung durch stoffliche Wechselwirkungen auf kleinster Ebene als Fest angesehen wird. Jeder weiß, dass selbst härteste Materialien niemals ewig bestehen. Somit ist jeder Form von materieller Festigkeit eigentlich allenfalls eine relative Beständigkeit gegeben. Die Festigkeit hängt dabei zum Beispiel von der Beschaffenheit der Hände ab, die den Feststoff berühren. Oder aber von der Beschaffenheit der Augen, die eine Erscheinung aufnehmen. Zu sagen "ich sehe etwas, also ist es da" ist demnach eine kurzsichtige (wenn auch in einem bestimmten Rahmen durchaus sinnvolle) Äußerung. Es ist nicht so, dass die illusorische Qualität der Welt gleich eine Herabstufung für den Menschen bedeutet. Natürlich läßt sich nicht jeder gern ins Bockshorn jagen. So wird auch niemand ernsthaft sagen er wolle die Welt nur noch als Täuschung ansehen. Aber das liegt eigentlich nur an dem Wert, den man den stofflichen Sinnen (Auge, Ohr, Nase, Haut, Mund) zuschreibt. Sie gelten als Maßstab für Wirklichkeit. Der Geist, der all diese Sinne erst mit Leben füllt und damit auch erst jegliche Form von Wirklichkeit erfahrbar macht, gilt komischerweise als unbeständig und missverständlich. Es ist also so, dass das, was die Welt im Kern zusammenhält, als unwirklich angesehen wird. Für mich ist es kein Wunder, dass der von seinen tierischen Sinnen bestimmte Mensch die wirklichen Maßstäbe nicht erkennt, nach denen die Welt funktioniert. Andererseits wäre es allerdings auch vermutlich keine besonders lebenswerte Erfahrung, wenn jederman sein diesseitiges Leben als Schein abtäte. Aber ich denke die Tatsache, dass es von der Mehrheit aller als Wirklichkeit wahrgenommen wird, liegt darin, dass eben fast alle denselben Eindruck teilen. Und zwar mit allen Konsequenzen – gut wie schlecht, angenehm wie quälend.
Für die Gesellschaft bedeutet die Vernetzung der Gedanken die Wahrwerdung eines Traums. Jeder Mensch sehnt sich nach Nähe zu entfernten Freunden, nach Zuneigung und Zuspruch, nach der einfachen Möglichkeit seinem Hiersein einen Sinn zu verleihen. Das zum Beispiel durch die Verbreitung der eigenen Weltsicht. Alles im Internet ist Abbild dessen, was der Gesellschaft und dem Einzelnen wichtig ist. Dabei sind selbstverständlich auch Dinge, die man ihrer unethischen Inhalte wegen verachten muss. Die Vernetzung, das Netz oder das Internet ist (inklusive aller dunklen und verborgenen Nebenflüsse) ein Abdruck der Begierden des Menschen mit all seinen Schwächen, Stärken, Träumen, ... Wer die Gesellschaft als Erscheinung im Gesamten kennenlernen möchte, wer wissen möchte was einen Menschen ausmacht, der muss sich den Spiegel seiner Natur anschauen. Das geht soweit, dass man sagen könnte :: Wer sich selber erkennen möchte, der muss sein Surfverhalten beobachten. Und vielleicht sollte er die Zeichen deuten lernen. Ich denke es ist mit Traumdeutung vergleichbar. Zur Identifizierung seiner Nutzer und der Filterung der individuellen Nutzervorlieben nutzt das Internet zu jeder Sekunde seine Möglichkeiten. Aber es ist natürlich nicht das Internet, das wissen anhäufen möchte, sondern die Nutzer, welche die Daten über andere Nutzer als wertvolle Ressource erkannt haben. Das Geschehen im Internet ist im Grunde nichts weniger, als das Lesen in den Gedanken anderer Menschen. Denn alles was dort existiert ist geistige Information und alles was dort gehandhabt wird, sind Gedanken. Im Grunde genommen ist das Internet die elektronische Umsetzung der Telepathie. Zu dieser Kunst fühlen sich heute wohl die allerwenigsten wirklich berufen, denn wahr ist allein die feste, einheitlich und übergreifend erfahrbare, unanzweifelbare Materie. Und deren Taktstock folgt komischerweise jedes moderne Auge.
Für die Zweifler ist das Internet das allerheiligste und teuerste Geschenk der Moderne. Für diejenigen, die auch ohne allgemeine Gewissheit Wissen können, ist das Internet ein logischer Schritt. Es ist eine konsequente Weiterentwicklung der geistigen Beschränkungen der sogenannten Moderne, die alles Geistige ins Fabelreich verbannt hat, weil der Masse von lebenden Menschen jede Verbindung in die höheren Sphären abhanden gekommen ist. Man hat diese Verbindung den Menschen madig geredet. Und die Errungenschaften des heutigen Tages sind ihnen allen Beleg für die Nutzlosigkeit jeder Spiritualität. Der Irrtum in dieser Weltschau ist schon traurig, aber die offensichtliche Scheinheiligkeit der festen Überzeugung ist ein Grund für Wut im Bauch. Jedoch ist Letzteres nun wirklich kein gangbarer Weg für einen dem Licht zustrebenden Spirit. Somit bleibt allein Verständnis und Gewissheit um die Gesetze der Natur, die bei allen menschlichen Vorlieben und Verwindungskünsten doch stets unbestechlich und beständig sind.