Leichen im Keller

Eintrag #0037 - Montag, 30. Januar 2012
Infragestellung der Notwendigkeit des Pluralismus angesichts sogenannter alternativloser Entscheidungen durch Führungspersonen

Die Frage der Balance zwischen diktatorischer beziehungsweise totalitärer und demokratischer Beschlussfindung läßt sich natürlich nur schwer in ein paar Absätzen abhandeln. Immer wieder ist in letzter Zeit von alternativlosen Entscheidungen die Rede. Das Wort selbst ist das Unwort des Jahres 2010. Es diktiert dem freien Wähler zum Schein einen der sonstigen Garantie auf freie Entscheidung entgegen gerichteten Lösungsweg. Dabei machen sorgenvolle Vorzeigedemokraten ein ernstes bis trauriges Gesicht und verkünden die unabdingbare Hinwendung zu ihrem absolut einzigen Lösungsweg. Es ist fast wie im Matheunterricht, wo es ja im Allgemeinen ebenfalls selten um Mehrheitsbeschlüsse geht.

Wir sind das Volk! Bei Demokraten gilt die Idee durch Abstimmungsergebnisse und Mehrheiten den legitimen Weg zur politischen Glückseligkeit zu finden. Der richtige Weg scheint demnach Sache der größeren Menge an Zustimmenden und nicht etwa der Vernunft zu sein. Ich schreibe das deswegen, weil ich weiß, dass nicht viele Menschen Entscheidungen auf der Basis fundierter und objektiver Überlegung fällen. Gerade im Bereich der Politik, wo allgemein gern von einer Verdrossenheit des Wählers gesprochen wird, sehe ich die Entscheidungsgewalt im Querschnitt der Bevölkerung mehr auf Seiten des Bauchgefühls. Nicht zuletzt auch deswegen, weil ich der Ansicht bin, dass nur wenige den Anspruch haben jeden Aspekt des politischen Geschehens so zu verstehen, dass man von einem gut durchdachten Kenntnisstand sprechen könnte. Ich glaube nicht einmal diejenigen können ohne diese oder jene Armee Sachverständiger und Gutachter auskommen, deren Beruf eigentlich die volle Kenntnis aller politischen Zusammenhänge voraussetzt. Ich bin sicher der übliche Weg der Politikerklasse geht so, dass dem Volk allenfalls glatte Produkte verkauft werden. Das heißt man schleift und raspelt an den komplizierten Sachverhalten herum, bis man etwas hat, das sich in zwei bis drei Nebensätzen illustrieren läßt. Genauer gesagt werden dem Bürger kleine, handliche Pakete von Lösungen den brennenden Fragen gegenüber gestellt und zum Verkauf geboten. Die Währung ist in diesem Fall natürlich das Gewicht der Stimme und gekauft wird die Katze im Sack. Derjenige, der also ein guter Verkäufer ist kann dieser Theorie zufolge ein schäbiges Produkt (beziehungsweise dessen glanzvolle, hohle Verpackung) unter die Leute bringen und damit auch große Erfolge feiern. Vorausgesetzt er schafft seinem Produkt eine Mehrheit von überzeugten Bürgern. Inwieweit diese Lösung der bürgerlichen Gesamtheit schließlich hilfreich sein wird, hängt dann allein von der Qualität des Verständnisses eben dieser Gesamtheit ab. Das ist die grundsätzliche Idee des demokratischen Weges – das Volk entscheidet. In der BRD sprechen wir von einer repräsentativen Demokratie, bei der nicht das Volk, sondern dessen durch Volkswahl legitimierte Vertreter das Sagen haben. Hier wird dem Volk frühzeitig ein Konsens abverlangt, ohne später noch Einfluss auf das Ergebnis nehmen zu können. Denn der Abgeordnete kann innerhalb seiner Amtszeit von vier Jahren jederzeit über sein Wirken entscheiden und ist dabei allein seinem eigenen Gewissen verpflichtet. Das Volk kann dagegen erst nach vier Jahren über Wieder- oder Abwahl seines Vertreters hoffen. Das unmittelbare Moment ist also dahin, was einerseits eine gewisse Stabilität, andererseits Trägheit mit sich bringt. Wir sind also zwar das Volk, haben aber allenfalls über disziplinierte Mitarbeit am bestehenden Staat (durch demütige Wahl eines Sprechers) oder aber Verweigerung zum Mitmachen zu entscheiden. Am Staat selbst perlt unsere Mitsprache in der Regel ab, da wir immer nur über einen Mittler mit dem Staat reden. Das heißt mit dem Staat reden kann nur, wer über bestimmte Idiome und eine grundsätzliche Konsensfähigkeit beziehungsweise eine gesellschaftliche Disziplin verfügt. Aber selbst dann auch nur aus der unscharfen Distanz. Wird hier nicht bereits die anerkannte Wertigkeit des Pluralismus freier Meinung für die Staatsführung klar? Wird ferner nicht klar wie uneins, zwiegespalten und unfähig man das unmittelbare Wirken des Volkes einschätzt? Und zu recht wie ich denke. Denn jeder hat immer seins und dann das seiner Gruppe im Sinn, niemals aber einen reinen Gedanken an die unpersönliche Vernunft oder die gesamtweltliche Gesundheit.

Es gibt natürlich große Anteile in der Bevölkerung, die sich ernsthaft und seriös mit politischen Fragen auseinandersetzen und Tage, Wochen und Monate ihres Lebenstages aufwenden, um "aktiv" zu sein und die richtigen Antworten zu erwirken. Auch glaube ich durchaus an eine Art gesunder Metavernunft im gesellschaftlichen Zusammenspiel. Aber ich glaube auch sehr stark an die Interessen einzelner Menschen, oder kleinerer Gruppen von Menschen. Und ich glaube an Machtkonzentration. Des weiteren glaube ich ebenfalls, dass sich die oben genannte metavernünftige Entscheidungsebene der Gesellschaft (womit ich zum Beispiel das der Gesellschaft inne wohnende Interesse zu Selbsterhalt und Wachstum bzw. Selbsterkenntnis und Ausdruck meine) lenken und verwinden läßt, wie eine zähe Flüssigkeit. Hier spreche ich natürlich von Dynamiken innerhalb eines Schwarms wo die sogenannte Schwarmintelligenz beispielsweise einen Teilaspekt bildet. Auch wenn wohl die meisten sagen würden sie seien kein Teil eines wie auch immer gearteten Kollektivs, welches sich beliebig lenken ließe. Man ist natürlich immer dann Teil eines Ganzen, wenn man darin positive Eigenschaften wie Geborgenheit sieht, und man ist gänzlich Individuell, wenn plötzlich die Rede von Manipulation, Auslese oder sonstigen negativ empfundenen Begriffen ist. Doch denke ich nicht, dass man sich diese Position immer einfach so nach Gutdünken aussuchen und zurecht legen kann. Jeder Mensch mit einem gewissen Ziel ist immer Teil einer Gemeinschaft. Wenn da gar der Ziele mannigfaltige vorhanden sind, sind auch die Gruppen zahlreich, denen man sich bewußt oder unbewußt anschließt. Und so ist meines Erachtens auch die Erscheinung der Freiheit des Indiviuums in all ihren Fassetten in Frage gestellt oder zumindest stark relativiert.

Nicht zuletzt spielt auch der Begriff der Loyalität eine Rolle, wenn es um die Beschneidung und Begrenzung der indiviuellen Willensäußerung geht. Gewisse Normen verlangen jedem Menschen vorbestimmte Haltungen in Geist und Habitus ab. Ein Parteiführer, der aus dem Nichts heraus Ansichten vertritt, die seiner Gruppe wiedersprechen, wird sicherlich nicht mehr lange ihr Sprecher sein. Und einzelne Mitglieder, die an den Konstanten des Parteigeistes sägen, werden je nach Lautstärke ihrer Sägen wohl eher gleich, als morgen vor die Tür gesetzt. Aber wo bleibt da die freie Meinung? Wie frei ist eine hinter einem Parteibuch getätigte Äußerung? Das Interesse einer Partei ist selbstverständlich die Verbreitung ihrer Ansicht in möglichst viele Köpfe. Diesem Interesse muss sich das Mitglied im einzelnen selbstverständlich unterordnen, wenn es der Gruppe zu Ordnung und letztlich Einfluss verhelfen möchte. Hier steht der Konsens wie auch in der gesamten Bürgerschaft über dem Willen des Einzelnen und damit ist auch die Freiheit des Einzelnen grundlegend eingeschränkt. Die einheitliche Richtung im Denken und Handeln ist für die sinnvolle Weiterentwicklung von Ordnungen und Strukturen wesentlich. Ganz egal um welches politische Staatsgebilde es sich handeln mag. Da ist schließlich die Stimme der Mehrheit für die Richtung entscheidend und nicht die des Einzelnen. Aber dessen Meinung spielt zudem auch einfach keine Rolle, wenn es darum geht Wasser einen Berg hinabfliessen oder Gras wachsen zu lassen. Was ich meine ist, dass es gewisse natürliche Vorgaben gibt, die allenfalls in ihrem Auftreten verstärkt oder abgeschwächt werden können. An ihrer Funktion und Auswirkung selbst kann dagegen kein Meinungsvertreter rütteln. Selbst in einer Hippiekommune (um einmal das Klischee vom völlig aller Konventionen befreiten Geist zu bemühen) ist langfristig zum einen der Konsens und zum anderen die Unterordnung unter einfachste Prinzipien nicht ignorierbar. Die einfachsten Beispiele für den Beschnitt der eigenen Entfaltungsmöglichkeit zeigen sich meines Erachtens schon im Atmen von Sauerstoff oder dem aufrechten Gang wieder, der einem ständigen Kampf mit der sogenannten Erdanziehung gleich kommt. Der Mensch ist ständig zu demütiger Einsicht gegenüber größeren Einflüssen gehalten. Der freie Wille liegt stets im Widerspruch mit dem physikalischen Umfeld.

Jetzt krame ich wieder einmal das viel beobachtbare Prinzip der Selbstähnlichkeit hervor, mit dem ich vieles in der ganzen Welt begreife. Ein Staat, eine Stadt, ein Haus ... alles das sind Bauten, die erstens ohne die intelligente Anwendung natürlicher Gesetzmäßigkeiten nicht auskommen und zweitens die grundsätzliche Unterordnung des individuellen Willens erfordern. Selbstverständlich kann der Häuslebauer selber entscheiden, ob er das Klo direkt neben dem Sofa und den Keller im zweiten Stock haben möchte. Aber dennoch wird er früher oder später einsehen, dass sein persönliches "ich will" nur eine kleine Rolle bei der Verwirklichung des Hauses spielen wird. Und zwar um so weniger, je stärker sein Haus in die Gemeinschaft einer bereits bestehenden Ansammlung von Häusern gerückt wird. Im Wald mag man ein Haus wie Gurke bauen dürfen, aber in Berlin wird das anders aussehen. Dasselbe gilt auch für Stadt und Staat, die in ihrer Architektur ebenfalls den Bedingungen von Anteilsnehmern und Nachbarn untergeordnet werden. Ich denke weder dem Willen des Allerallergrößten Führers der Massen noch seiner an Zahl und Masse reichen Befürworter und Gefolgsleute würde hier eine "konventionslose Willensäußerung" zugestanden. Allenfalls dann, wenn es an notwendiger Artillerie für entsprechende Gegenmaßnahmen fehlen sollte. Man sieht also sehr gut, dass der eigene Wille immer hinter dem Willen des Kollektivs anstehen muss. Würde man dies aggressiv verneinen, wäre immerhin dennoch ein erster Schritt zum persönlichen Absolutismus getan. Dessen Entfaltung krankt dann allenfalls noch an der Zustimmung vieler Wähler. Also an die Arbeit!

Wenn es innerhalb einer Partei zu einem Konsens kommt, der dann von einer breiten Mehrheit getragen wird, ist doch auch hier gewissermaßen ein Absolutismus geschaffen. Denn es wird der Gesamtheit aller Minderheiten der Weg einer Mehrheit aufgesetzt. Natürlich handelt es sich um einen abgeschwächten Zwang, der alle paar Jahre durch die entsprechende Wahl beeinflusst werden kann. Aber welchen Sinn hat solch ein System, wenn wirklich dringende Dinge auf den Weg gebracht werden müssten. Dinge wie beispielsweise CO2-Neutrale Lebensweisen oder ein extrem weitgreifender Sinn für Nachhaltigkeit. Alle diese Dinge, die dem einfachen Bürger vor dem politischen Glück zuerst einmal viel unpersönlichen Gemeinschaftssinn abverlangen, wären mit einer wohlgesinnten Machtballung schnell umsetzbar. Anders ausgedrückt könnte eine absolutistische Instanz kurzfristig und unbürokratisch Weichen stellen, die langfristig zum Guten für die Allgemeinheit gereichten. Mir ist bewußt, dass diese oft durchgespielte Theorie einfältige Fantasie ist. Die Praxis stellt sich natürlich so dar, dass die angesprochene Instanz selbst bei klar definierten Zielen irgendwann alles daran setzen wird, die Leichtigkeit der Führung möglichst lange beizubehalten. Sicherlich gibt es ausgefuchste Mechanismen, derer man sich bei der Konzeption eines solchen Weges bedienen könnte. Aber ich will hier keine konkreten Utopien aufschreiben. Ich will umreissen, weshalb ich der Meinung bin, dass demokratische Beschlussfindung zu einer Gesellschaftsentwicklung führt, die dem von der Welt aufgezwängten Schritt ein bißchen zu weit hinterher hechelt. Dieses behäbige Hineinwachsen in geträumte Ideale vom unbeschwerten Leben geht mit Diskussions- und Kompromissbereitschaft so träg von statten, dass dem Ideal letzten Endes mehr Traum als gewünscht anhaften wird. Allerdings wird auch ein großer Teil dieser Trägheit durch Faktoren erwirkt, die am liebsten und so lange wie möglich jede Veränderung schmerzfrei und ohne den Verlust von gemächlicher Beständigkeit umgehen möchten.

Einer der Gründe, weshalb das Bürgertum dem ständigen Geplärr so manches Politikers überdrüssig ist, mag mit der Erkenntnis der Machtlosigkeit zusammen hängen, die sich aus dem Verlust der unmittelbaren Kommunikation mit dem Führungsapparat ergibt. Zwischen das Interesse des im optimalen Fall in Meinung und Gesinnung einigen Volkes und dem zur Wahl stehenden Abgeordneten drängen sich weitere zwei Faktoren. Diese mögen zudem bei karrierebewußten Anzugträgern langfristig mehr Gewicht, als die Stimme des einzelnen Bürgers einnehmen. Denn sie versprechen Rückenwind, der für das Befahren großer Ozeane wichtig und unabdingbar ist. Da wäre zum ersten die Wahlprognose und dann außerdem die demütige Anteilsnahme der wirtschaftlich und finanziell starken Interessenverbände. So ergibt sich daraus, dass die Führung des Staates nur sekundär von der Stimme der eingedampften und kanonisierten Volksmehrheit und primär von Eitelkeit und Habsucht bestimmt wird. Dies natürlich unter der Voraussetzung einer moralischen Grundhaltung, welche solche Dinge allen ethischen Wahrheiten voranstellt. In einer Zeit, in der sogar Ethik nur noch Frage von menschlichem Diskurs und Einigung ist, darf man sich nicht wundern, wenn feste Prinzipien von Natur und Welt gar nicht mehr oder allenfalls wie störende und zu lenkende Fremdkörper aufgefasst werden. Die Qualität einer Demokratie hebt und senkt sich mit dem Selbstverständnis der betroffenen Gesellschaft. Wenn diese ihre Ideale nur noch in Standesdingen ausmacht, verliert die Freiheit des Einzelnen an Glanz. Selbst solche Leute, die mühevoll nach reinen Idealen abseits weltlicher Aspekte streben, werden angesichts einer Welt einheitlicher Orientierung zu Hülle und Fülle glanzlos erscheinen. Ein solches System, das sich selber aus- und auch überlebt, muss fast zwangsläufig irgendwann vor alternativlosen Entscheidungen stehen. Ebenso werden Härten im gesellschaftlichen Leben nicht ausbleiben können. Je nach größe der gesellschaftlichen Ungleichgewichte entscheidet sich dann das Fortleben der Idee einer Gesellschaft, die ihre Geschicke ohne die Repressalien von Führer, König oder Kaste bestimmt. Wenn Bestimmungen unserer Repräsentanten alternativlos erscheinen, dann liegt das an der Ignoranz von ungerechten Verhältnissen, die bereits gestern bestanden. Es ist nur richtig, dass wenigstens die Konsequenzen dieser dekadenten Arroganz und Müdigkeit gesamtgesellschaftlich geschultert werden. Jedoch sollte man sich davor hüten zu glauben, das Volk würde nicht sehen, wer seine Schultern unter das Gewicht absenkt und kriecht.

Nebenbei
man spricht von 'Leichen im Keller' wenn jemandes Vergangenheit unpopuläre Geheimnisse beinhaltet, die gern unter Verschluss behalten werden. Lebensirrtümer und kleingeistige "Phobosophien", die dem Anerkennen von Wahrheit im Weg stehen. Das Konzept dieser Seite, die sich der Blog-Familie zugehörig fühlt aber sich selbst als schwarzes Schaf davon versteht, möchte sich vorwiegend den fragwürdigen Inhalten der sogenannten Moderne und weniger dem Vergangenheitsverdränger widmen.

Im Klartext ... Es geht nicht um Leichen sondern um Wahrheit. Oder genauer um die Wahrheitsfindung aller Art. Wobei nicht mein Anliegen ist die Wahrheit zu okkupieren oder sie für mich zu beanspruchen. Meine Idee beschränkt sich auf einfacher, banaler Mitteilungsliebe und dem vagen und unscharfen Gefühl von Gerechtigkeit und Provokation.

Es kann aber hier und da auch einfach nur um die Freude am Schreiben gehen und im Großen und Ganzen nimmt sich das hier auch nicht allzu wichtig.

:: Archiv ::

Januar - (1 Eintrag)

Infragestellung der Notwendigkeit des Pluralismus angesichts sogenannter alternativloser Entscheidungen durch Führungspersonen

Mai 2011 - (2 Einträge)
August 2010 - (3 Einträge)
November 2009 - (4 Einträge)
September 2009 - (4 Einträge)
Juli 2009 - (1 Eintrag)
Juni 2009
- (1 Eintrag)

Mai 2009 - (1 Eintrag)
Dezember 2008
- (2 Einträge)
Oktober 2008
- (3 Einträge)

September 2008 - (3 Einträge)
August 2008 - (13 Einträge)

suasti

© 4nt|bürger4711 August 2008 - - letzte Änderung: Dienstag, 31.01.2012